Wer eine steile Wand nicht nur bezwingen, sondern wirklich verstehen möchte, stößt früher oder später auf David Lama. Der österreichische Kletterer verband außergewöhnliche Technik mit ernsthaftem Alpinismus und prägte damit eine ganze Generation. Ich ordne seine wichtigsten Stationen ein, erkläre die Bedeutung von Cerro Torre und Lunag Ri und zeige, welche praktischen Lehren sich daraus für den heutigen Bergsport ableiten lassen.
Warum Lamas Weg bis heute Maßstäbe setzt
- Österreichischer Ausnahmekletterer, geboren 1990 in Innsbruck.
- Weltcup-Erfolge im Bouldern und Vorstieg bereits in der ersten Saison.
- Cerro Torre gelang ihm 2012 erstmals frei über den Südostgrat.
- Lunag Ri mit rund 6.900 Metern bestieg er 2018 solo über den Westgrat.
- Sein Stil zeigt, dass Technik, Risikobewusstsein und Entscheidungsstärke zusammengehören.

Wer der Tiroler Kletterer war
David Lama wurde am 4. August 1990 in Innsbruck geboren. Seine Mutter stammte aus Tirol, sein Vater war ein nepalesischer Bergführer. Diese Verbindung zweier Bergkulturen begleitete ihn sein ganzes Leben und prägte auch die Mischung aus sportlicher Präzision und alpiner Neugier, für die er später bekannt wurde.
Zum Klettern kam er als Kind. Der Himalaya-Bergsteiger Peter Habeler erkannte bereits bei einem fünfjährigen Lama ein ungewöhnliches Gefühl für den Fels. Sein späterer Trainer Reini Scherer förderte ihn in Tirol und half ihm, aus Talent eine belastbare Technik zu entwickeln.
Schon früh zeigte sich, dass der junge Athlet nicht einfach nur schnell klettern wollte. Ihn interessierten Bewegungsqualität, schwierige Linien und die Frage, wie weit sich sportliches Klettern auf alpine Wände übertragen lässt. Genau diese Verbindung wurde später zu seinem Markenzeichen.
Vom Weltcup in die großen Wände
Im Sportklettern gelang ihm ein außergewöhnlicher Einstieg. 2006 gewann er in seiner ersten Weltcup-Saison sowohl einen Boulder- als auch einen Vorstiegswettbewerb. Damit galt er damals als jüngster Weltcupsieger der Geschichte. Für mich ist dieser Erfolg vor allem deshalb bemerkenswert, weil er nicht nur Kraft, sondern auch taktisches Denken und Nervenstärke verlangt.
Der Schritt vom Kletterhallen-Wettkampf in die Berge ist allerdings keineswegs automatisch. In der Halle zählen kontrollierte Bewegungen an normierten Griffen. Im alpinen Gelände kommen Wetter, Orientierung, Felsqualität, Sicherung und Rückzugsmöglichkeiten hinzu. Eine Route kann technisch machbar sein und trotzdem wegen der Bedingungen oder der Lawinengefahr nicht verantwortbar werden.
Lama nahm diese Unterschiede ernst. Er suchte nicht bloß höhere Schwierigkeitsgrade, sondern Projekte, bei denen die gesamte Unternehmung zählte. Dazu gehörten Vorbereitung, Akklimatisation, Partnerwahl und die Bereitschaft, im richtigen Moment umzukehren.
Warum Cerro Torre ein Wendepunkt war
Der Cerro Torre in Patagonien gehört zu den berühmtesten und anspruchsvollsten Granitbergen der Welt. 2012 gelang Lama gemeinsam mit Peter Ortner die erste freie Begehung des Südostgrats, einer Route, deren Geschichte wegen früher gesetzter Bohrhaken lange kontrovers diskutiert worden war.
Beim freien Klettern werden die Sicherungsmittel zum Schutz verwendet, nicht als Aufstiegshilfe. Das klingt wie eine kleine technische Unterscheidung, verändert aber die Schwierigkeit grundlegend. Jede Passage muss aus eigener Körperkraft und mit sauberer Bewegung geklettert werden, während Wind, Kälte und wechselnde Bedingungen die Konzentration zusätzlich belasten.
Der Erfolg machte deutlich, was den Tiroler von vielen reinen Sportkletterern unterschied. Er konnte seine enorme Fingerkraft und Bewegungspräzision in eine alpine Umgebung übertragen. Gleichzeitig zeigte Cerro Torre, dass ein großer Gipfel nicht allein durch die Höhe definiert wird, sondern durch Linie, Stil und Anspruch der Begehung.
Was die Besteigung des Lunag Ri so besonders macht
Der Lunag Ri liegt im nepalesischen Himalaya und erreicht je nach Quelle rund 6.895 Meter. Lama versuchte den Berg zunächst 2015 und 2016 gemeinsam mit Conrad Anker. Beide Expeditionen zeigten, dass der Westgrat deutlich komplexer und schwieriger war als zunächst angenommen.
2018 kehrte Lama zurück und bestieg den Gipfel solo über den Westgrat. Die Route führte über etwa 1.500 Höhenmeter anspruchsvolles Gelände mit Fels, Schnee und Eis. Für diese Erstbesteigung erhielt die Unternehmung später einen Piolet d’Or, eine der wichtigsten internationalen Auszeichnungen im Alpinismus.
Entscheidend war nicht nur, dass er allein unterwegs war. Eine Solobegehung verlangt, dass jede Entscheidung ohne Partner getroffen wird. Müdigkeit, Wetterumschwung oder ein technisches Problem lassen sich nicht einfach an jemand anderen delegieren. Ich sehe darin weniger eine Einladung zum Nachahmen als ein Beispiel für konsequente Vorbereitung und ehrliche Selbsteinschätzung.
| Projekt | Jahr | Bedeutung |
|---|---|---|
| Cerro Torre, Südostgrat | 2012 | Erste freie Begehung der Route mit Peter Ortner |
| Lunag Ri, Westgrat | 2018 | Erstbesteigung des rund 6.900 Meter hohen Gipfels im Alleingang |
| Howse Peak, Kanada | 2019 | Letzte Expedition gemeinsam mit Hansjörg Auer und Jess Roskelley |
Was seinen Stil im Bergsport ausgezeichnet hat
Bei Lama beeindruckt mich besonders die Verbindung aus sportlicher Leichtigkeit und alpiner Ernsthaftigkeit. Er kletterte nicht kraftbetont um jeden Preis, sondern achtete auf effiziente Bewegungen, präzise Fußarbeit und einen möglichst kontrollierten Rhythmus.
Diese Haltung ist auch für Freizeitsportler relevant. Viele überschätzen beim Klettern die Bedeutung der Armkraft und unterschätzen den Energieverbrauch. Wer mit den Füßen sauber tritt, den Körperschwerpunkt über den Stand bringt und Pausen sinnvoll nutzt, bleibt länger leistungsfähig.
Ebenso wichtig war sein Umgang mit Risiko. Schwierige Projekte lassen sich nicht vollständig sicher machen. Man kann aber die Unsicherheit systematisch reduzieren, etwa durch aktuelle Wetterdaten, genaue Routenkenntnis, redundante Sicherung und einen realistischen Zeitplan.
Der häufigste Fehler bei Einsteigern besteht meiner Erfahrung nach darin, nur den Aufstieg zu planen. Im alpinen Gelände gehören auch Abstieg, Orientierung und mögliche Rückzüge zur Route. Wer diese Punkte erst am Gipfel klärt, hat die wichtigste Planung bereits zu spät begonnen.
Welche Lehren sich auf eigene Touren übertragen lassen
Niemand sollte eine Himalaya-Expedition oder eine schwierige Bigwall-Route kopieren, nur weil sie spektakulär aussieht. Die sinnvollere Lehre lautet, die eigenen Ziele stufenweise aufzubauen und jede neue Schwierigkeit erst dann anzugehen, wenn die Grundlagen zuverlässig sitzen.
- In der Halle beginnen: Bewegungsfluss, Fußtechnik und kontrolliertes Clippen lassen sich dort sicher trainieren.
- Am Fels lernen: Felskunde, Standplatzbau und Abseilen gehören in einen Kurs mit qualifizierter Leitung.
- Alpine Planung üben: Wetter, Zustieg, Zeitreserven und Rückzug müssen vor dem Start geklärt sein.
- Ausrüstung passend wählen: Helm, Gurt, Seil und Sicherungsgerät müssen zur Disziplin und zu den geltenden Normen passen.
- Grenzen akzeptieren: Ein Umkehrpunkt ist kein Scheitern, sondern ein Bestandteil guter Bergsteigerei.
Gerade beim Material wird häufig zu viel gekauft und zu wenig trainiert. Ein leichteres Seil oder ein teurer Kletterschuh ersetzt weder Erfahrung noch Entscheidungsfähigkeit. Für die meisten Touren bringt gute Passform, verlässliche Bedienung und regelmäßige Übung mehr als die teuerste Ausrüstung.
Am 16. April 2019 starben Lama, Hansjörg Auer und Jess Roskelley bei einem Lawinenunglück am Howse Peak im kanadischen Banff-Nationalpark. Sein Tod beendete eine außergewöhnliche Karriere, änderte aber nichts an der Bedeutung seiner Projekte für das moderne Klettern und den alpinen Stil.
Was von diesem Weg für Kletterer bleibt
David Lamas Vermächtnis besteht nicht nur aus Siegen und Erstbegehungen. Er zeigte, dass modernes Klettern mehrere Fähigkeiten verbinden kann: präzise Technik, körperliche Vorbereitung, alpine Erfahrung und klare Entscheidungen.
Wer sich davon inspirieren lässt, sollte nicht die extremsten Bilder kopieren, sondern die Haltung dahinter. Gute Vorbereitung, Respekt vor den Bedingungen und ein sauberer Stil machen auch eine kleinere Tour zu einem echten bergsportlichen Erlebnis.
