Ein Gipfelfoto auf 8.848,86 Metern erzählt nur einen kleinen Teil der Geschichte. Dahinter stehen jahrelange Erfahrung, akribische Akklimatisation und Entscheidungen, die unter extremem Sauerstoffmangel über Leben und Tod entscheiden können. Ich ordne die Laufbahn von Kami Rita Sherpa ein, erkläre seinen Everest-Rekord und zeige, was sich daraus für ambitionierte Bergsportler ableiten lässt.
Was hinter dem Everest-Rekord wirklich steckt
- 32 Besteigungen des Mount Everest bis zum 17. Mai 2026
- Erste erfolgreiche Besteigung im Jahr 1994
- Der Rekordhalter ist vor allem ein professioneller Höhenbergführer
- Eine Everest-Expedition dauert meist sechs bis neun Wochen
- Seine Geschichte zeigt, dass Teamarbeit und Risikomanagement wichtiger sind als reine Kraft

Vom Bergführer zum Rekordhalter am Everest
Kami Rita Sherpa stammt aus Thame in der nepalesischen Khumbu-Region, einem Tal, das viele erfahrene Sherpa-Bergführer hervorgebracht hat. Seinen ersten Gipfelerfolg am Mount Everest feierte er 1994. Seitdem kehrte er fast jedes Jahr in die Hochsaison des Himalaya zurück, sofern Wetter, politische Entscheidungen und die Öffnung der Route dies erlaubten.
Am 17. Mai 2026 erreichte er den Gipfel zum 32. Mal und baute damit seinen Weltrekord weiter aus. Guinness World Records führt ihn als den Menschen mit den meisten Besteigungen des höchsten Berges der Erde. Die Zahl wirkt fast abstrakt, bedeutet aber auch 32 wiederholte Durchquerungen einer Umgebung, in der schon kleine Fehler dramatische Folgen haben können.
Sherpa ist kein Synonym für Träger
Ein häufiger Irrtum besteht darin, „Sherpa“ einfach mit Lastenträger gleichzusetzen. Gemeint ist zunächst eine ethnische Gemeinschaft aus dem Himalaya; viele Sherpa arbeiten als Bergführer, Expeditionsleiter, Köche oder Spezialisten für Höhenlogistik.
Die Stärke eines erfahrenen Höhenführers liegt nicht nur in der persönlichen Kondition. Ortskenntnis, Wetterbeobachtung, Routenwahl, Seiltechnik und ein gutes Gespür für die Verfassung der Gruppe sind mindestens ebenso wichtig. Genau diese Kombination macht die Arbeit am Everest so anspruchsvoll.
Warum eine Everest-Besteigung außergewöhnlich bleibt
Der Mount Everest ist offiziell 8.848,86 Meter hoch. Ab etwa 8.000 Metern beginnt die sogenannte Todeszone. Dort kann sich der menschliche Körper nur noch begrenzt regenerieren, Schlaf wird schwierig und selbst einfache Bewegungen kosten unverhältnismäßig viel Energie.
Eine Gipfelexpedition ist deshalb kein verlängertes Trekkingabenteuer. Der typische Ablauf umfasst mehrere Wochen mit Anreise, Akklimatisation, Rotationen zwischen Basislager und höheren Lagern sowie einem kurzen Gipfelfenster bei möglichst stabilem Wetter. Der eigentliche Gipfeltag kann 10 bis 16 Stunden dauern.
Was den Rekord besonders macht
Viele Bergsteiger erreichen den Everest einmal. Der Rekord von 32 Besteigungen zeigt dagegen vor allem außergewöhnliche Wiederholbarkeit. Jede Saison bringt neue Gefahren mit sich, darunter Lawinen, Steinschlag, Erfrierungen, Höhenkrankheit, extreme Kälte und überfüllte Passagen an den Fixseilen.
Der Rekord darf trotzdem nicht als Beweis verstanden werden, dass der Berg beherrschbar geworden ist. Erfahrung senkt Risiken, beseitigt sie aber nicht. Ich halte genau diese Unterscheidung für entscheidend, weil spektakuläre Zahlen sonst schnell falsche Erwartungen wecken.
Die wichtigsten Stationen seiner Laufbahn
| Jahr | Station | Warum sie wichtig ist |
|---|---|---|
| 1994 | Erste Everest-Besteigung | Der Beginn einer außergewöhnlichen Karriere im Höhenbergsteigen |
| 2014 | Lawinenunglück am Basislager | Eine Erinnerung daran, wie gefährlich selbst der Zugang zum Berg sein kann |
| 2024 | 30. Gipfelerfolg | Ein Rekord, der damals bereits historisch wirkte |
| 2025 | 31. Besteigung | Der eigene Rekord wurde erneut übertroffen |
| 2026 | 32. Besteigung | Der aktuell bestätigte Höchststand seiner Everest-Erfolge |
Zu seiner Erfahrung gehören auch andere Achttausender wie K2, Lhotse, Manaslu und Cho Oyu. Diese Einsätze sind wichtig, weil sie zeigen, dass sein Können nicht auf eine einzige bekannte Route beschränkt ist. Jeder dieser Berge stellt eigene Anforderungen an Orientierung, Gletschertechnik, Wetterbeurteilung und Ausdauer.
Besonders eindrücklich finde ich, dass seine Laufbahn nicht nur aus Gipfelfotos besteht. Der Lawinenabgang von 2014, bei dem 16 Sherpa-Guides ums Leben kamen, macht sichtbar, welchen Preis die Arbeit am Everest haben kann. Für mich gehört dieser Teil genauso zur Geschichte wie der Rekord selbst.
Was Bergsportler von seiner Arbeitsweise lernen können
Wer aus Deutschland für eine anspruchsvolle Himalaya-Tour plant, sollte nicht zuerst über die teuerste Ausrüstung nachdenken. Die wichtigste Vorbereitung beginnt mit realistischer Selbsteinschätzung und einem Trainingsplan, der mehrere Monate umfasst.
Ausdauer vor Heldentum
Für große Höhen zählen lange, gleichmäßige Belastungen mehr als kurze Kraftspitzen. Sinnvoll sind zwei bis vier Ausdauereinheiten pro Woche, ergänzt durch Bergwanderungen mit Höhenmetern und gezieltes Krafttraining für Beine und Rumpf.
Ich würde außerdem niemals versuchen, fehlende Höhenanpassung mit Tempo zu kompensieren. Akklimatisation braucht Zeit. Kopfschmerzen, Übelkeit, ungewöhnliche Erschöpfung oder Koordinationsprobleme sind keine Zeichen mangelnder Härte, sondern mögliche Symptome einer akuten Höhenkrankheit.
Die Ausrüstung muss zum Ziel passen
Für eine normale Trekkingreise zum Everest-Basislager gelten andere Anforderungen als für eine Gipfelexpedition. Beim Trekking stehen gute Wanderschuhe, Wetterschutz, warme Schlafausrüstung und eine zuverlässige Trinklösung im Vordergrund. Für den Gipfel kommen unter anderem Steigeisen, Klettergurt, Helm, Steigklemme, Daunenbekleidung und Sauerstoffsysteme hinzu.
Ein häufiger Fehler ist, Ausrüstung nur nach Gewicht oder Preis auszuwählen. In großer Höhe zählt vor allem, ob sie zuverlässig funktioniert, mit Handschuhen bedienbar ist und bereits vor der Reise getestet wurde. Ein ungeeigneter Rucksack oder schlecht sitzende Steigeisen können die Sicherheit stärker beeinträchtigen als ein fehlendes Luxusprodukt.
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Umkehrentscheidungen gehören zum Können
Die vielleicht wichtigste Lehre aus dem Höhenbergsteigen lautet, dass ein rechtzeitiger Rückzug kein Scheitern ist. Ein professioneller Guide bewertet Wetter, Schneeverhältnisse, Gruppenzustand und verbleibende Zeit ständig neu.
Ich würde für jede anspruchsvolle Tour eine klare Umkehrzeit festlegen und sie nicht spontan nach hinten verschieben. Am Everest kann eine Verzögerung von wenigen Stunden bedeuten, dass die Rückkehr in der Dunkelheit oder bei schlechterem Wetter erfolgt.
Rekord und Verantwortung gehören zusammen
Mit wachsender Bekanntheit des Everest steigt auch die Zahl der Menschen, die in sehr kurzer Zeit zum Gipfel wollen. In der Saison 2026 kam es auf der nepalesischen Seite zu außergewöhnlich vielen gleichzeitigen Gipfelversuchen. Lange Warteschlangen an Fixseilen erhöhen die Aufenthaltsdauer in extremer Höhe und damit das Risiko für alle Beteiligten.
Auch Kami Rita Sherpa sprach sich nach seiner 32. Besteigung für eine bessere Kontrolle der Besucherzahlen aus. Das ist ein bemerkenswerter Punkt, weil er zeigt, dass selbst jemand mit dieser Erfahrung den Berg nicht als unerschöpfliche Bühne betrachtet.
Zur Verantwortung gehört ebenso der Umgang mit Abfällen, die Belastung der lokalen Infrastruktur und die faire Anerkennung der Sherpa-Arbeit. Ohne die Teams, die Seile befestigen, Lasten transportieren, Lager vorbereiten und in Notfällen helfen, könnten viele kommerzielle Expeditionen überhaupt nicht stattfinden.
Für Reisende ergibt sich daraus eine einfache Konsequenz. Wer im Himalaya unterwegs ist, sollte Anbieter nach Sicherheitsstandards, Gruppengröße, Akklimatisationsplan und Bezahlung der lokalen Mitarbeiter beurteilen, nicht nur nach dem niedrigsten Preis.
Was vom Everest-Rekord über den Berg hinaus bleibt
Die 32 Gipfelerfolge machen Kami Rita Sherpa zu einer herausragenden Figur des modernen Bergsports. Noch lehrreicher ist jedoch, was hinter der Zahl steckt: Routine ohne Leichtsinn, Erfahrung ohne Selbstüberschätzung und Leistung im Team.
Wer selbst hohe Berge besteigen möchte, sollte den Rekord nicht als Einladung zum Nachahmen verstehen. Er ist eher ein Hinweis darauf, wie viel Wissen, Geduld und Verantwortung nötig sind, damit aus einem schwierigen Ziel eine möglichst sichere Expedition wird.
