Wer vor einem Achttausender steht, kämpft nicht nur gegen Kälte und Erschöpfung, sondern gegen dünne Luft, wechselhaftes Wetter und sehr enge Zeitfenster. Nirmal Purja wurde bekannt, weil er alle 14 Berge über 8.000 Meter in Rekordzeit bestieg. Ich ordne seine Laufbahn, die berühmte Leistung, die aktuellen Rekorde und die Lehren für ambitionierte Bergsportler ein.
Die wichtigsten Fakten auf einen Blick
- 189 Tage benötigte Purja 2019 für die 14 Achttausender.
- Sein Projekt hieß Project Possible und begann mit der Annapurna I.
- Er bestieg Everest, Lhotse und Makalu innerhalb von etwa 48 Stunden.
- Die damalige Rekordleistung erfolgte mit zusätzlichem Sauerstoff und einem erfahrenen Sherpa-Team.
- Im Juli 2026 kam Purja bei einer Lawine am Broad Peak in Pakistan ums Leben.

Vom Soldaten zum Rekordbergsteiger
Nirmal Purja, meist Nims genannt, wurde in Nepal geboren und diente später in den britischen Gurkha-Einheiten sowie bei den Special Forces. Diese Laufbahn vermittelte ihm Erfahrung mit Belastung, Disziplin und schwierigen Einsätzen, ersetzte aber nicht die technische Ausbildung für den Höhenbergstieg.
Seinen beruflichen Schwerpunkt verlagerte er 2019 vollständig auf das Bergsteigen. Mich beeindruckt an diesem Schritt weniger der große Werbesatz vom „Unmöglichen“ als die Konsequenz dahinter. Purja setzte seine militärische Erfahrung, ein starkes Team und eine sehr präzise Logistik zu einem außergewöhnlichen Expeditionsplan zusammen.
Seine Bekanntheit wuchs zusätzlich durch den Dokumentarfilm 14 Peaks: Nothing Is Impossible. Der Film zeigt nicht nur Gipfelerfolge, sondern auch Geldprobleme, Wetterrisiken und den enormen organisatorischen Aufwand hinter dem Projekt.
Project Possible und die 14 Achttausender
Project Possible hatte ein klares Ziel. Purja wollte die 14 Berge über 8.000 Meter, die in Himalaya und Karakorum liegen, innerhalb von sieben Monaten besteigen. Am Ende gelang ihm die Serie zwischen dem 23. April und dem 29. Oktober 2019 in 189 Tagen, also ungefähr sechs Monaten und sechs Tagen.
| Berg | Höhe | Gebirge oder Region |
|---|---|---|
| Mount Everest | 8.849 m | Himalaya |
| K2 | 8.611 m | Karakorum |
| Kangchendzönga | 8.586 m | Himalaya |
| Lhotse | 8.516 m | Himalaya |
| Makalu | 8.485 m | Himalaya |
| Cho Oyu | 8.188 m | Himalaya |
| Dhaulagiri I | 8.167 m | Himalaya |
| Manaslu | 8.163 m | Himalaya |
| Nanga Parbat | 8.126 m | Karakorum |
| Annapurna I | 8.091 m | Himalaya |
| Gasherbrum I | 8.080 m | Karakorum |
| Broad Peak | 8.051 m | Karakorum |
| Gasherbrum II | 8.035 m | Karakorum |
| Shishapangma | 8.027 m | Himalaya |
Die Reihenfolge war keineswegs zufällig. Nach Annapurna und Dhaulagiri folgten unter anderem Everest, Lhotse und Makalu. Besonders spektakulär war die Verbindung dieser drei Gipfel, die Purja in rund zwei Tagen bewältigte.
Im Juli 2019 absolvierte er außerdem die fünf pakistanischen Achttausender Nanga Parbat, Gasherbrum I, Gasherbrum II, K2 und Broad Peak innerhalb weniger Wochen. Für mich zeigt gerade diese Phase, dass der Rekord nicht nur aus körperlicher Stärke bestand, sondern aus perfekt abgestimmten Transfers, Wetterfenstern, Trägern, Fixseilen und zuverlässiger Kommunikation.
Warum diese Leistung alpinistisch so außergewöhnlich war
Oberhalb von 8.000 Metern beginnt die sogenannte Todeszone. Der Körper kann sich dort nicht dauerhaft regenerieren, der Schlaf wird schlechter und selbst einfache Bewegungen kosten unverhältnismäßig viel Kraft. Zusätzlich steigen die Risiken durch Erfrierungen, Dehydrierung, Lawinen und Fehlentscheidungen unter Sauerstoffmangel.
Purjas Leistung beruhte deshalb auf mehreren Faktoren. Dazu gehörten seine körperliche Vorbereitung, die Erfahrung aus den Streitkräften, ein leistungsfähiges Team und der Einsatz von zusätzlichem Sauerstoff. Dieser Punkt ist wichtig, weil der Rekord häufig missverständlich als reine Einzel- oder Geschwindigkeitsleistung dargestellt wird.
Tempo allein reicht nicht
Bei Höhenexpeditionen ist Geschwindigkeit ein Vorteil, aber kein Selbstzweck. Wer schneller auf- und absteigt, verbringt weniger Zeit in extremer Höhe. Gleichzeitig erhöht ein eng getakteter Plan den Druck, bei Müdigkeit oder schlechtem Wetter weiterzumachen.
Ich halte deshalb die Entscheidungsqualität für die wichtigste Lehre aus Project Possible. Ein Bergsportler muss wissen, wann ein Gipfelversuch sinnvoll ist und wann ein Rückzug die bessere Leistung darstellt. Diese Logik lässt sich nicht einfach kopieren, schon gar nicht von Einsteigern.
Rekorde, Sauerstoff und die Diskussion um echte Gipfel
Guinness World Records führte Purjas 2019er Zeit zunächst als schnellsten Aufstieg aller 14 Achttausender. Später wurden bei mehreren Bergen, darunter Manaslu und Dhaulagiri, die Kriterien für den tatsächlichen Gipfel genauer geprüft. Dadurch änderten sich einzelne Rekordangaben und historische Vergleiche.
Das schmälert die sportliche Leistung nicht, macht die Einordnung aber präziser. Ein sogenannter true summit bezeichnet den höchsten tatsächlichen Punkt eines Berges und nicht lediglich einen Vorgipfel oder eine Stelle, die früher allgemein als Gipfel akzeptiert wurde.
Auch der Unterschied zwischen einem Aufstieg mit und ohne künstlichen Sauerstoff zählt. Die Rekordserie von 2019 war vor allem ein Geschwindigkeitsprojekt mit zusätzlichem Sauerstoff. Eine getrennt geführte Bestleistung für alle 14 Achttausender ohne zusätzlichen Sauerstoff schloss Purja nach aktualisierten Gipfelkriterien erst 2024 ab und dauerte 2 Jahre und 150 Tage.
Für Leser, die Bergsport ernst nehmen, ist diese Differenz entscheidend. „Alle 14 bestiegen“ sagt allein noch nichts über Tempo, Sauerstoffnutzung, Routenwahl, Gipfeldefinition oder Unterstützung durch Sherpas aus.
Was Bergsportler von Nims Purja lernen können
Niemand sollte aus Project Possible ableiten, dass extreme Geschwindigkeit ein sinnvolles Trainingsziel für normale Hochtouren ist. Die meisten Bergsteiger profitieren deutlich mehr von sauberem Akklimatisieren, realistischer Tourenplanung und einem konsequenten Umgang mit Wetterwarnungen.
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Planung vor Ehrgeiz
- Akklimatisation: Der Körper braucht Zeit, um sich an die Höhe anzupassen. Schnelles Aufsteigen erhöht das Risiko einer Höhenkrankheit.
- Abbruchkriterien: Eine feste Umkehrzeit, schlechte Sicht oder ungewöhnliche Erschöpfung sollten den Gipfelversuch beenden.
- Teamarbeit: Verlässliche Partner, lokale Bergführer und klare Kommunikation sind oft wichtiger als teure Ausrüstung.
- Reserven: Jeder Tag in großer Höhe braucht zusätzliche Zeit für Wetter, Krankheit oder beschädigte Ausrüstung.
- Technik: Steigeisen, Eispickel, Seiltechnik und Spaltenbergung müssen vor der Expedition praktisch geübt werden.
Ein häufiger Fehler ist die Fixierung auf Gipfelhöhe. Schwierigkeit und Risiko hängen ebenso von Route, Jahreszeit, Lawinenlage, Gletscherzustand und Rettungsmöglichkeiten ab. Ein technisch anspruchsvoller 6.000er kann für viele Bergsteiger gefährlicher sein als eine gut geführte, weniger technische Hochtour.
Auch bei der Ausrüstung würde ich nicht zuerst nach dem leichtesten Modell greifen. Passform, Bedienbarkeit mit Handschuhen und Zuverlässigkeit bei Kälte sind im Hochgebirge wichtiger als ein paar eingesparte Gramm.
Ein Vermächtnis zwischen Inspiration und Risiko
Im Juli 2026 wurde Purja während einer Expedition am Broad Peak in Pakistan von einer Lawine erfasst. Sein Expeditionsteam bestätigte anschließend seinen Tod. Damit endete das Leben eines Bergsteigers, dessen Karriere die Möglichkeiten moderner Höhenexpeditionen neu sichtbar gemacht hatte.
Seine Geschichte bleibt trotzdem widersprüchlich. Sie steht für Mut, Ausdauer und eine beeindruckende nepalesische Bergsteigertradition, erinnert aber ebenso daran, dass selbst Erfahrung, Technik und perfekte Vorbereitung Naturgefahren nicht ausschalten.
Wer sich von Nims Purja inspirieren lässt, sollte deshalb nicht seine Geschwindigkeit kopieren. Die sinnvollere Lehre lautet, Ziele klar zu definieren, Risiken ehrlich zu bewerten und immer genug Spielraum für eine sichere Umkehr zu lassen.
